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Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde das Städtchen Erlangen (Geschichte) relativ rasch wieder aufgebaut. Bereits am 2. Dezember 1655 erfolgte die Weihe der Pfarrkirche auf den Titel Heilige Dreifaltigkeit. Die Situation änderte sich 1685, als der französische König Ludwig XIV. das Edikt von Nanteswiderrief, das den calvinistischen Untertanen – von ihren Gegnern Hugenotten genannt – seit 1598 Glaubensfreiheit gewährt hatte. Der Widerruf löste eine Flüchtlingswelle von ca. 180.000 Hugenotten aus, die sich vor allem in den Vereinigten Niederlanden, den britischen Inseln, der Schweiz, in Dänemark, Schweden und in einigen deutschen Fürstentümern niederließen. Eine geringe Anzahl der Glaubensflüchtlinge ging später nach Russland sowie in die niederländischen und britischen Kolonien.

Diese Situation nutzte auch Markgraf Christian Ernst und bot den Flüchtlingen das Recht auf Ansiedlung in seinem noch an den Folgen des Dreißigjährigen Krieges leidenden Fürstentum an, um im Sinne des Merkantilismus dessen Wirtschaft durch die Ansiedlung moderner Gewerbe zu fördern. Er war damit einer der ersten lutherischen Fürsten in Deutschland, der Calvinisten in seinem Land aufnahm und ihnen sogar freie Religionsausübung zusicherte. Die ersten sechs Hugenotten erreichten Erlangen am 17. Mai 1686, etwa 1500 folgten in mehreren Wellen. Daneben kamen auch einige hundert Waldenser, die sich jedoch nicht halten konnten und 1688 weiterzogen. Noch bevor abzusehen war, mit wievielen Flüchtlingen gerechnet werden konnte, beschloss der Markgraf, südlich des seither Altstadt Erlangen genannten Städtchens die Neustadt Erlangen als rechtlich eigenständige Siedlung zu gründen. Mit dem rationalen Motiv, die Wirtschaft des eigenen Landes zu fördern, verband sich in für den Absolutismus typischer Weise die Hoffnung auf den Ruhm als Stadtgründer.

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Der älteste erhaltene Entwurf der Erlanger Neustadt, rot lavierte Federzeichnung (1686), Johann Moritz Richter zugeschrieben

Die neue Stadt lag sehr günstig an einer der wichtigsten Handels- und Fernstraßen von und nach Nürnberg. Von der nahen Regnitz wollte man Wasser für einen für bestimmte Gewerbe notwendigen Kanal ableiten, was aber am sandigen Boden scheiterte. Den auf den ersten Blick einfachen, tatsächlich aber außerordentlich differenzierten und höchst anspruchsvollen Grundriss der unter Anwendung des „Goldenen Schnitts“ nach idealen Gesichtspunkten konstruierten Planstadt entwarf der markgräfliche Oberbaumeister Johann Moritz Richter. Die rechteckige Anlage ist charakterisiert durch die als Symmetrieachse ausgebildete Hauptstraße, an der zwei ungleich große Plätze liegen, und die den inneren Kern umschließende „Grande Rue“, deren als rechte Winkel ausgebildete geschlossene Ecken wie Scharniere wirken, die der ganzen Anlage Festigkeit und Geschlossenheit verleihen. Wie der Plan zeigt, kam es nicht auf die individuelle Gestaltung des einzelnen Gebäudes an, sondern auf die übergreifende Einheitlichkeit der ganzen Stadt. Noch heute wird der historische Kern von den einheitlichen, relativ schmucklosen Fassaden der zwei- und dreigeschossigen in schnurgeraden Reihen mit der Traufseite zur Straße stehenden Häuser geprägt. Der Bau der Stadt begann am 14. Juli 1686 mit der Grundsteinlegung zum temple, der Hugenottenkirche. Im ersten Jahr wurden etwa 50 der geplanten 200 Häuser fertiggestellt. Da der Zuzug der Hugenotten nicht den Erwartungen entsprach, weil sich deren Flüchtlingsmentalität erst ab 1715 in eine Einwanderermentalität wandelte, als die Friedensverträge nach dem Spanischen Erbfolgekrieg eine Rückkehr nach Frankreich ausschlossen, aber auch weil der Markgraf als Feldherr von 1688 bis 1697 im Pfälzer Erbfolgekrieg gegen Frankreich engagiert war, stagnierte der weitere Ausbau jedoch. Er erhielt erst ab 1700 durch den Bau des markgräflichen Schlosses und der Entwicklung Erlangens zur Residenzstadt und einer der sechs Landeshauptstädte neue Impulse.[35] Nachdem am 14. August 1706 ein Großbrand fast die gesamte Altstadt Erlangens zerstört hatte, wurde sie nach dem Vorbild der Neustadt mit begradigten Straßen- und Platzfronten und einem zweigeschossigen, etwas individueller gestalteten Haustypus wieder aufgebaut. In Erlangen kam es damit zu dem in der Geschichte der europäischen Idealstädte wohl einzigartigen Sonderfall zweier benachbarter Planstädte, von denen die eigentlich ältere, die noch bis 1812 selbständig verwaltete Altstadt Erlangen, baugeschichtlich jünger ist als die Neustadt Erlangen.[36]

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Der Grundriss von 1721 zeigt die Integration von Erlanger Neustadt und wiederaufgebauter Altstadt in das barocke Gesamtkonzept. Kolorierter Kupferstich (1721) von Johann Christoph Homann, verlegt von Johann Baptist Homann.

Die ab 1701 nach ihrem Gründer Christian-Erlang genannte Neustadt wurde nicht nur zum Ziel der Hugenotten, sondern auch von Lutheranern und Deutsch-Reformierten, denen jeweils dieselben Privilegien wie den Hugenotten verliehen worden waren. 1698 lebten 1000 Hugenotten und 317 Deutsche in Erlangen. Aufgrund der Zuwanderung wurden die Hugenotten jedoch bald zu einer französisch sprechenden Minderheit in einer deutschen Stadt. Der französische Einfluss nahm in der Folgezeit weiter ab. So wurde 1822 zum letzten Mal ein Gottesdienst in der Hugenottenkirche in französischer Sprache gehalten.

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